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Leseprobe aus
Band 10: Der finstere Fels
von Lemony Snicket
Aus dem Amerikanischen von Klaus Weimann
Kapitel 1
Einer meiner Bekannten hat einmal ein Gedicht mit dem Titel "Der wenig begangene Pfad" geschrieben; darin beschreibt er eine Wanderung durch einen Wald auf einem Weg, den andere Wanderer nie benutzten. Der Dichter fand, dass es auf dem wenig begangenen Pfad friedlich, aber auch ziemlich einsam war, und wahrscheinlich hatte er, während er da langging, ein bisschen Angst; denn, wenn ihm auf dem wenig begangenen Pfad etwas zustieße, würden sich die anderen Wanderer auf dem stärker begangenen Pfad aufhalten und so seine Hilferufe nicht hören. Kein Wunder, dass dieser Dichter jetzt tot ist.
Wie von einem toten Dichter könnte man auch von diesem Buch sagen, dass es sich auf dem wenig begangenen Pfad aufhält. Es beginnt nämlich damit, dass die drei Baudelaire-Kinder auf dem Weg durch die Mortmain-Berge sind, die kein beliebtes Reiseziel darstellen, und es endet in den strudelnden Wassern des Blutigen Baches, dem wenige Reisende auch nur nahe kommen. Dieses Buch befindet sich jedoch noch aus einem anderen Grund auf dem wenig begangenen Pfad; im Unterschied zu den Büchern, die die meisten Menschen bevorzugen und die tröstliche und unterhaltsame Geschichten über reizende Menschen und sprechende Tiere enthalten, ist nämlich die Geschichte, die du jetzt gerade liest, nichts als bedrückend und entnervend, und die Menschen, die das Pech haben, in dieser Geschichte vorzukommen, sind viel eher verzweifelt und entsetzt als reizend, und über die Tiere möchte ich am liebsten überhaupt nicht reden. Deshalb kann ich genauso wenig empfehlen, dieses jammervolle Buch zu lesen, wie ich dir empfehlen würde, allein durch den Wald zu wandern, denn genauso wie der wenig begangene Pfad wird wahrscheinlich auch dieses Buch nur dazu führen, dass du dich einsam, elend und hilfsbedürftig fühlst.
Die Baudelaire-Waisen jedoch hatten keine andere Wahl, als auf dem wenig begangenen Pfad zu sein. Violet und Klaus, die beiden älteren Baudelaire-Kinder, befanden sich nämlich in einem Wohnwagen, der den hoch gelegenen Bergweg entlangsauste. Weder die vierzehnjährige Violet noch Klaus, der vor kurzem dreizehn geworden war, hätten je geglaubt, dass es sie einmal auf diese Straße verschlagen würde, es sei denn zusammen mit ihren Eltern bei einem Familienausflug. Von den Baudelaire-Eltern war jedoch weit und breit keine Spur, nachdem ein schreckliches Feuer ihr Zuhause zerstört hatte, wenn auch die Kinder Grund zu der Annahme hatten, dass ein Elternteil doch nicht in der Feuersbrunst umgekommen sein könnte. Und der Wohnwagen bewegte sich auch nicht die Mortmain-Berge hinauf zu einem geheimen Hauptquartier, von dem die Geschwister gehört hatten und das sie zu finden hofften. Der Wohnwagen bewegte sich vielmehr die Mortmain-Berge hinab, mit großer Geschwindigkeit sogar und ohne jede Möglichkeit, seine Fahrt unter Kontrolle zu bringen oder ihn anzuhalten. Daher fühlten sich Violet und Klaus eher wie Fische in stürmischer See und nicht wie Reisende auf einem Ferienausflug.
Sunny Baudelaire befand sich dagegen in einer Situation, die man sogar als noch verzweifelter bezeichnen könnte. Sunny war die Jüngste der Baudelaire-Kinder und lernte noch, so zu sprechen, dass jeder sie verstehen konnte; daher hatte sie kaum Worte, um auszudrücken, wie sehr sie sich ängstigte. Sunny fuhr zwar bergauf auf das Hauptquartier in den Mortmain-Bergen zu, und das in einer Limousine, die perfekt funktionierte, der Fahrer der Limousine jedoch war wirklich zum Fürchten. Einige bezeichneten diesen Mann als böse. Einige nannten ihn verrucht, was ein hochgestochener Ausdruck für böse ist. Aber jedermann nannte ihn Graf Olaf, wenn er nicht gerade eine seiner lächerlichen Verkleidungen trug und sich mit einem falschen Namen anreden ließ.
Graf Olaf war ein Schauspieler, aber er hatte seine Theaterkarriere weitgehend aufgegeben, um zu versuchen, das gewaltige Vermögen zu stehlen, das die Baudelaire-Eltern hinterlassen hatten. Olafs Pläne, an das Vermögen heranzukommen, waren gemein und undurchschaubar gewesen; trotzdem war es ihm gelungen, eine Freundin für sich zu gewinnen, die bösartige und modebewusste Esmé Elend, die jetzt neben Graf Olaf im Auto saß, boshaft kicherte und Sunny auf dem Schoß festhielt. Außerdem fuhren in dem Wagen noch mehrere Angestellte Olafs, darunter ein Mann mit Haken statt Händen, zwei Frauen, die das ganze Gesicht gern schlohweiß gepudert trugen, und drei neue Kumpane, die Olaf kürzlich auf dem Caligari-Jahrmarkt angeheuert hatte.
Auch die Baudelaire-Kinder waren auf diesem Jahrmarkt gewesen, hatten selbst Verkleidungen getragen und vorgegeben, sich an Graf Olafs ruchlosem Tun zu beteiligen, aber der Bösewicht hatte ihr Manöver durchschaut, was hier bedeutet: "Er hatte erkannt, wer sie in Wirklichkeit waren, und den Knoten durchschlagen, der den Wohnwagen mit der Limousine verband, so dass Sunny in Olafs Klauen blieb und ihre Geschwister ihrem Verderben entgegentaumelten".
Sunny saß also im Auto und spürte, wie Esmés lange Fingernägel sie an den Schultern kratzten; sie machte sich Sorgen, was mit ihr passieren würde und was den älteren Geschwistern gerade passierte, während sie deren Schreie langsam verklingen hörte, als die Limousine sich immer weiter von ihnen entfernte.
"Wir müssen diesen Wohnwagen anhalten!", schrie Klaus. Eilig setzte er seine Brille auf, als könnte er die Lage verbessern, indem er sein Sehvermögen verbesserte. Aber auch mit vollkommener Sicht konnte er nur sehen, dass ihre Lage misslich war. Der Wohnwagen hatte als Unterkunft für mehrere Akteure im Monstrositätenkabinett des Jahrmarkts gedient, bevor sie übergelaufen waren - ein Ausdruck, der hier bedeutet: "bevor sie sich Graf Olafs Bande ekelhafter Kumpane angeschlossen hatten" -, und nun klapperte und flog der Inhalt dieser winzigen Wohnung bei jeder Unebenheit der Straße herum. Klaus bückte sich, um einer Pfanne auszuweichen, die Hugo der Bucklige beim Kochen benutzt hatte und die in dem Durcheinander von einem Bord herabgestürzt war. Er hob die Füße vom Boden hoch, als ein Satz Dominosteine vorbeischlitterte - Steine, mit denen immer der Schlangenmensch Colette gespielt hatte. Und er blinzelte nach oben, als eine Hängematte wild über ihm hin- und herschwang. Ein beidhändiger Mensch namens Kevin hatte darin geschlafen, bevor er sich zusammen mit Hugo und Colette Olafs Truppe angeschlossen hatte, und nun sah es so aus, als ob die Hängematte jeden Augenblick herabfallen und die beiden Baudelaire-Kinder unter sich begraben würde.
Das einzig Tröstliche, was Klaus erblicken konnte, war seine Schwester, die sich mit entschlossener und nachdenklicher Miene im Wohnwagen umsah und das Hemd aufknöpfte, das sich die beiden Geschwister als Teil ihrer Verkleidung teilten. "Hilf mir, aus dieser verrückten Hose herauszukommen, in der wir beide stecken", sagte Violet. "Es hat keinen Sinn, weiter so zu tun, als wären wir ein Mensch mit zwei Köpfen, wir müssen vielmehr beide körperlich so normal wie möglich sein."
Im Nu wurstelten sich die beiden Baudelaire-Kinder aus den übergroßen Kleidungsstücken, die sie sich aus Graf Olafs Verkleidungskiste geholt hatten, und standen, bemüht, in dem wackligen Wohnwagen Gleichgewicht zu behalten, wieder in ihren eigenen Sachen da. Klaus sprang einer fallenden Topfpflanze aus dem Weg, aber er musste schmunzeln, als er seine Schwester betrachtete. Violet band sich ihr Haar mit einem Band hoch, damit es ihr nicht in die Augen fiel, ein sicheres Zeichen, dass sie sich etwas ausdachte. Ihre eindrucksvolle Erfindungsgabe hatte den Baudelaire-Kindern schon unzählige Male das Leben gerettet, und Klaus war sich sicher, dass seine Schwester gleich etwas ausknobeln würde, womit sie die gefährliche Fahrt des Wohnwagens stoppen könnten.
"Wirst du eine Bremse konstruieren?", fragte Klaus.
"Noch nicht", erwiderte Violet. "Eine Bremse wirkt auf die Räder eines Fahrzeugs ein, aber die Räder dieses Wohnwagens drehen sich zu schnell dafür. Ich werde diese Hängematten herunternehmen und als Bremsschirm benutzen."
"Als Bremsschirm?"
"Bremsschirme sind ein wenig wie kleine Fallschirme, die am Heck eines Wagens befestigt sind", erklärte Violet eilig, während ein Kleiderständer klappernd um sie herumtanzte. Sie langte zu der Hängematte hoch, in der sie und Klaus geschlafen hatten, und machte sie schnell von der Wand los. "Rennfahrer benutzen sie als Hilfsmittel, um ihren Wagen nach einem Rennen anzuhalten. Wenn ich diese Hängematten zur Tür des Wohnwagens heraushängen lasse, sollten wir beträchtlich langsamer werden."
"Was kann ich tun?", fragte Klaus.
"Schau in Hugos Speisekammer nach", sagte Violet, "ob du irgendetwas Klebriges finden kannst."
Wenn dich jemand auffordert, etwas Ungewöhnliches zu tun, ohne eine Erklärung dafür zu geben, ist es sehr schwer, nicht nach dem Warum zu fragen, aber Klaus hatte vor langer Zeit gelernt, den Ideen seiner Schwester zu vertrauen; so ging er rasch zu einem großen Schrank, den Hugo benutzt hatte, um darin Vorräte für die Mahlzeiten, die er zubereitete, aufzubewahren. Die Tür des Schranks schwang hin und her, als ob ein Gespenst mit ihr kämpfte, aber die meisten Vorräte flogen noch klappernd in ihm herum. Klaus betrachtete den Schrank und dachte an sein Schwesterchen, das sich immer weiter von ihnen entfernte. Obwohl Sunny noch ganz klein war, hatte sie kürzlich Interesse fürs Kochen gezeigt, und Klaus erinnerte sich, wie sie ein eigenes Rezept für heiße Schokolade erfunden und dabei geholfen hatte, eine köstliche Suppe zu kochen, die der ganze Wohnwagen genossen hatte. Klaus hielt die Schranktür auf und warf einen Blick hinein. Er hoffte, dass sein Schwesterchen lange genug am Leben blieb, um ihre kulinarischen Fähigkeiten weiterentwickeln zu können.
"Klaus", sagte Violet streng, während sie eine zweite Hängematte herabnahm und mit der ersten verknüpfte. "Ich möchte dich nicht drängen, aber wir müssen diesen Wohnwagen so schnell wie möglich anhalten. Hast du etwas Klebriges gefunden?"
Klaus kniff die Augen zusammen und wandte sich wieder seinem Auftrag zu. Ein Tonkrug rollte ihm um die Füße, als er sich durch die Flaschen und Gläser voller Kochzutaten wühlte. "Da ist eine Menge klebriger Sachen", sagte er. "Ich sehe Rumsirup, Honig aus wildem Klee, Maissirup, voll reifen Balsamico-Essig, Apfelsirup, Erdbeermarmelade, Karamellsauce, Ahornsirup, Zuckergussglasur, Maraschino-Likör, natives und extranatives Olivenöl, Zitronencreme, getrocknete Aprikosen, Mango-Chutney, crema di noci, Tamarindenpaste, scharfen Senf, Marshmallows, Maispüree, Erdnussbutter, Weingelee, Lakritze, kondensierte Milch, Kürbiskuchenfüllung und Leim. Ich weiß nicht, warum Hugo Leim in der Speisekammer aufbewahrt hat, aber das ist ja jetzt egal. Welche dieser Sachen willst du?"
"Alle", entgegnete Violet energisch. "Sieh zu, dass du sie irgendwie zusammenmischen kannst, während ich diese Hängematten zusammenbinde."
Klaus griff sich den Krug auf dem Boden und begann die einzelnen Zutaten hineinzuschütten, während Violet auf dem Boden saß, um leichter Gleichgewicht halten zu können, und die Schnüre der Hängematten in ihrem Schoß zu einem Knoten zu verschlingen begann. Die Fahrt des Wohnwagens wurde immer wilder und bei jedem Ruck fühlten sich die Baudelaire-Kinder ein wenig seekrank, als wären sie wieder auf dem Seufzersee und überquerten seine stürmischen Wasser, um einen ihrer vielen unglücklichen Vormünder zu retten. Aber trotz des ganzen Durcheinanders um sie herum stand Violet nach wenigen Augenblicken wieder auf mit den Hängematten in den Armen, die jetzt alle zu einem zusammenhängenden Gewebe verknüpft waren, und Klaus sah seine Schwester an und hielt den Krug hoch, der bis zum Rand mit einem dicken und farbenfrohen Schleim angefüllt war.
"Wenn ich das Kommando gebe", sagte Violet, "mache ich die Tür auf und werfe die Hängematten raus. Ich möchte, dass du dich am anderen Ende des Wohnwagens postierst, Klaus. Mach das kleine Fenster auf und gieß diese ganze Mischung auf die Räder. Wenn die Hängematten zum Bremsschirm werden und die klebrige Masse über die Räder fließt, sollte der Wohnwagen langsam genug werden, dass wir uns retten können. Ich brauche die Hängematten nur an den Türgriff zu binden."
"Benutzt du dafür den Teufelszungenknoten?", fragte Klaus.
"Der Teufelszungenknoten hat uns nicht allzu viel Glück gebracht", meinte Violet und spielte damit auf mehrere frühere Abenteuer an, bei denen Seile eine Rolle gespielt hatten. "Ich benutze lieber den Sumac, einen Knoten, den ich selbst erfunden habe. Ich habe ihn nach einer Sängerin benannt, die ich bewundere. Also - jetzt scheint er mir fest genug zu sein. Bist du so weit, dass du die Mischung auf die Räder gießen kannst?"
Klaus durchquerte den Wohnwagen und öffnete das Fenster. Das wilde Klappergeräusch der Räder wurde lauter, und die Baudelaire-Kinder starrten für einen Moment auf die vorbeifliegende Landschaft. Die Gegend war zerklüftet und der Weg kurvenreich, und es sah so aus, als könne der Wohnwagen jeden Augenblick in ein Loch oder über die Kante eines der eckigen Berggipfel hinabtaumeln.
"Ich denke, ich bin so weit", sagte Klaus zögernd. "Violet, bevor wir deine Erfindung ausprobieren, möchte ich dir etwas sagen."
"Wenn wir sie nicht jetzt gleich ausprobieren", erwiderte Violet finster, "wirst du keine Gelegenheit mehr haben, mir irgendetwas zu sagen." Sie ruckte noch einmal an ihrem Knoten, dann drehte sie sich zu Klaus um.
"Jetzt!", rief sie und stieß die Wohnwagentür auf.
Es wird oft behauptet, wenn jemand ein Zimmer mit Aussicht hat, fühlt er sich friedlich und entspannt, wenn aber das Zimmer ein Wohnwagen ist, der einen steilen und gewundenen Weg hinabsaust, und die Aussicht auf eine gespenstische Bergkette geht, die rückwärts von dir wegrast, während kühle Gebirgswinde dir ins Gesicht beißen und dir Staub in die Augen blasen, dann wirst du kein bisschen Frieden oder Entspannung empfinden. Stattdessen wirst du das Entsetzen und die panische Angst empfinden, die die Baudelaire-Kinder empfanden, als Violet die Tür öffnete. Einen Augenblick lang konnten sie nichts anderes tun, als stillzustehen, während sie das wilde Schwanken des Wohnwagens spürten, zu den merkwürdigen, eckigen Gipfeln der Mortmain-Berge emporblickten und das Knirschen der Wohnwagenräder hörten, als sie über Steine und Baumstümpfe rollten. Aber dann rief Violet noch einmal "Jetzt!", und beide Geschwister traten unverzüglich in Aktion. Klaus lehnte sich zum Fenster hinaus und goss die Mischung aus Rumsirup, Honig aus wildem Klee, Maissirup, voll reifem Balsamico-Essig, Apfelsirup, Erdbeermarmelade, Karamellsauce, Ahornsirup, Zuckergussglasur, Maraschino-Likör, nativem und extranativem Olivenöl, Zitronencreme, getrockneten Aprikosen, Mango-Chutney, crema di noci, Tamarindenpaste, scharfem Senf, Marshmallows, Maispüree, Erdnussbutter, Weingelee, Lakritze, kondensierter Milch, Kürbiskuchenfüllung und Leim auf die nächsten Räder, während seine Schwester die Hängematten zur Tür hinauswarf, und wenn du schon irgendetwas über das Leben der Baudelaire-Kinder gelesen hast - was ich nicht hoffen will -, dann wirst du nicht überrascht sein zu erfahren, dass Violets Erfindung perfekt funktionierte.
Die Hängematten fingen sofort die vorbeisausende Luft ein und blähten sich hinter dem Wohnwagen wie riesige Ballons auf, wodurch der Wohnwagen kräftig abgebremst wurde, wie du ja auch viel langsamer laufen würdest, wenn du etwas hinter dir herschleppen müsstest wie einen Rucksack oder einen Sheriff. Die klebrige Masse tropfte auf die herumwirbelnden Räder, die sich sofort weniger wild drehten, wie du auch weniger wild laufen würdest, wenn du plötzlich durch Treibsand oder Lasagne laufen müsstest. Der Wohnwagen wurde langsamer, und die Räder drehten sich weniger schnell, und im Nu fuhren die Baudelaire-Kinder mit einem viel angenehmeren Tempo.
"Es funktioniert!", rief Klaus.
"Wir sind noch nicht am Ziel", erwiderte Violet und ging zu einem kleinen Tisch hinüber, der in dem Durcheinander umgefallen war. Als die Baudelaire-Geschwister auf dem Caligari-Jahrmarkt lebten, hatte ihnen dieser Tisch dazu gedient, an ihm zu sitzen und Pläne zu schmieden, aber nun in den Mortmain-Bergen würde er ihnen zu etwas ganz anderem dienen. Violet zerrte den Tisch zu der offenen Tür. "Jetzt, wo die Räder langsamer werden", erklärte sie, "können wir das hier als Bremse benutzen."
Klaus goss den Rest der Mixtur aus dem Krug und drehte sich zu seiner Schwester um. "Wie denn?", fragte er, aber Violet zeigte ihm bereits, wie. Rasch legte sie sich auf den Boden, und während sie den Tisch an den Beinen festhielt, ließ sie ihn so aus dem Wohnwagen heraushängen, dass er über den Boden schrappte. Sofort gab es ein lautes kratzendes Geräusch, und der Tisch begann in Violets Händen heftig zu rütteln. Aber sie hielt ihn fest und zwang ihn, über den steinigen Grund zu schaben und so den Wohnwagen noch weiter abzubremsen. Sein Schwanken wurde immer sanfter, die herabgefallenen Gegenstände aus dem Besitz der Jahrmarktsangestellten hörten auf herumzupoltern, und schließlich blieben mit einem letzten Quietschen auch die Räder stehen, und alles war still. Violet lehnte sich zur Tür hinaus und klemmte den Tisch vor eins der Räder, so dass es nicht wieder losrollen konnte; dann stand sie auf und blickte ihren Bruder an.
"Wir haben es geschafft", sagte Violet.
"Du hast es geschafft", erwiderte Klaus. "Der ganze Plan war deine Idee." Er stellte den Krug auf den Boden und wischte sich die Hände an einem herabgefallenen Handtuch ab.
"Stell diesen Krug nicht hin", sagte Violet und blickte sich in dem Gerümpel des Wohnwagens um. "Wir sollten so viele brauchbare Dinge wie möglich einsammeln. Wir müssen diesen Wohnwagen dazu bringen, dass er wieder bergauf fährt, wenn wir Sunny retten wollen."
"Und zum Hauptquartier kommen wollen", fügte Klaus hinzu. "Zwar hat Graf Olaf die Karte, die wir gefunden hatten, aber ich erinnere mich, dass sich das Hauptquartier im Finsteren Felsenmeer befindet, nahe bei der Quelle des Blutigen Baches. Da wird es sehr kalt sein."
"Nun, es gibt hier ja genügend Sachen", entgegnete Violet und blickte sich um."Wir wollen uns alles greifen, was wir können, und es draußen sortieren."
Klaus nickte zustimmend und hob den Krug wieder auf, zusammen mit mehreren Kleidungsstücken, die in einem Haufen auf einen kleinen Handspiegel gefallen waren, der Colette gehört hatte. Er hatte unter dem Gewicht so vieler Gegenstände schwer zu schleppen, als er aus dem Wohnwagen hinaus- und hinter seiner Schwester herstolperte, die ein großes Brotmesser, drei schwere Mäntel und eine Ukulele trug, auf der Hugo an faulen Nachmittagen manchmal gespielt hatte. Der Boden des Wohnwagens quietschte, als die Baudelaire-Kinder hinaustraten in die neblige und leere Landschaft und ihnen klar wurde, wie viel Glück sie gehabt hatten.
Der Wohnwagen war genau an der Kante eines der merkwürdigen, eckigen Gipfel der Bergkette zum Stehen gekommen. Die Mortmain-Berge sahen nämlich wie eine Treppe aus, die hinauf in die Wolken oder hinab in einen Schleier von dichtem grauem Nebel führte, und wäre der Wohnwagen in dieser Richtung noch ein Stück weitergefahren, wären die zwei Baudelaire-Kinder über den Gipfel hinausgekippt und durch den Nebel auf die nächste Stufe weit, weit unten gestürzt. Auf einer Seite des Wohnwagens konnten die Kinder jedoch das Wasser des Blutigen Baches sehen, das eine merkwürdige grauschwarze Farbe hatte und sich langsam und träge wie ein Fluss aus verschüttetem Öl bergab wälzte. Wäre der Wohnwagen also zur Seite gekippt, wären die Kinder in das dunkle und schmutzige Wasser geschleudert worden.
"Es sieht so aus, als hätte die Bremse gerade noch rechtzeitig funktioniert", sagte Violet ruhig. "Egal, wohin der Wohnwagen weitergefahren wäre, mit uns wäre es aus gewesen."
Klaus nickte zustimmend und sah sich in der wilden Gegend um. "Es wird schwierig sein, den Wohnwagen hier herauszukriegen", meinte Klaus. "Du wirst eine Lenkvorrichtung erfinden müssen."
"Und irgendeine Art Motor", sagte Violet. "Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen."
"Wir haben aber keine Zeit", meinte Klaus."Wenn wir uns nicht beeilen, wird Graf Olaf zu weit weg sein, und wir finden Sunny nie."
"Wir werden sie finden", sagte Violet zuversichtlich und legte die Gegenstände nieder, die sie trug. "Komm, gehen wir zurück in den Wohnwagen und sehen nach, ob…"
Aber bevor Violet sagen konnte, wonach sie sehen wollte, wurde sie von einem unangenehmen knirschenden Geräusch unterbrochen. Der Wohnwagen schien zu seufzen und rollte dann langsam auf die Kante des Gipfels zu. Die Baudelaire-Kinder blickten nach unten und sahen, dass die Räder den kleinen Tisch durchgebrochen hatten, so dass nichts mehr den Wagen daran hindern konnte weiterzurollen. Langsam und ungelenk neigte er sich nach vorn und zog die Hängematten hinter sich her, als er sich der äußersten Kante des Gipfels näherte. Klaus beugte sich zu den Hängematten hinunter, um eine festzuhalten, aber Violet hielt ihn zurück. "Der Wagen ist zu schwer", sagte sie. "Wir können ihn nicht halten."
"Wir können nicht zulassen, dass er vom Gipfel hinunterfällt!", schrie Klaus.
"Wir würden nur mit hinuntergezogen", entgegnete Violet.
Klaus wusste, dass seine Schwester Recht hatte, trotzdem drängte es ihn, den von Violet konstruierten Bremsschirm zurückzuhalten. Wenn man einer Situation gegenübersteht, die man nicht kontrollieren kann, ist es schwer zuzugeben, dass man nichts tun kann, und den Baudelaire-Kindern fiel es schwer, einfach dazustehen und zuzusehen, wie der Wohnwagen über die Kante des Gipfels rollte. Es gab ein letztes Knirschen, als die Hinterräder gegen einen Erdhaufen stießen, dann verschwand der Wohnwagen in vollkommener Stille. Die Baudelaire-Kinder traten vor und blickten über den Rand des Gipfels, aber es war so neblig, dass der Wohnwagen nur ein gespenstisches Rechteck war, das immer kleiner wurde und dann verschwand.
"Warum gibt es kein Aufprallgeräusch?", fragte Klaus.
"Der Bremsfallschirm macht ihn langsamer", erklärte Violet. "Warte nur ab."
Die Geschwister warteten, und nach einer Weile kam ein gedämpftes Bumm! von unten, als den Wohnwagen sein Schicksal ereilte. In dem Nebel konnten die Kinder nichts erkennen, aber sie wussten, dass der Wohnwagen und alles darin für immer verschwunden waren, und tatsächlich ist es mir nie gelungen, seine Überreste zu finden, obwohl ich die Gegend monatelang, allein mit einer Taschenlampe und einem Reimlexikon bewaffnet, abgesucht habe. Nachdem ich zahllose Nächte lang gegen Zuckmücken gekämpft und gebetet habe, dass sich die Batterien nicht leeren sollten, scheint es mein Schicksal zu sein, dass einige meiner Fragen unbeantwortet bleiben.
Das Schicksal ist wie ein fremdartiges, unpopuläres Restaurant voller seltsamer Kellner, die dir Sachen bringen, die du überhaupt nicht bestellt hast und nicht immer magst. Als die Baudelaire-Kinder noch sehr jung gewesen waren, hatten sie erwartet, dass es ihnen beschieden sein würde, in Glück und Zufriedenheit mit ihren Eltern in der Baudelaire-Villa aufzuwachsen, aber jetzt gab es weder die Villa noch ihre Eltern mehr. Als sie die Prufrock-Privatschule besuchten, hatten sie angenommen, dass es ihr Schicksal wäre, zusammen mit ihren Freunden, den Quagmeirs, das Abitur abzulegen, aber sehr lange hatten sie weder die Schule noch die zwei Drillinge gesehen. Und noch vor wenigen Augenblicken hatte es so ausgesehen, als wäre es das Schicksal von Violet und Klaus, von einem Gipfel ab- oder in einen Bach hineinzustürzen, stattdessen waren sie nun am Leben und gesund, aber weit entfernt von ihrem Schwesterchen und ohne ein Fahrzeug, das ihnen helfen könnte, es wieder zu finden.
Violet und Klaus rückten näher zusammen und spürten, wie die eisigen Winde von den Mortmain-Bergen den wenig begangenen Pfad herabwehten und ihnen eine Gänsehaut verursachten. Sie betrachteten die finsteren und strudelnden Wasser des Blutigen Baches, und sie blickten von der Kante des Gipfels in den Nebel hinab; dann sahen sie sich an und schauderten, aber nicht nur wegen all der Schicksale, denen sie entronnen waren, sondern auch wegen all der geheimnisvollen Schicksale, die noch vor ihnen lagen.
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