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Leseprobe aus
Band 2: Das Haus der Schlangen
von Lemony Snicket
Aus dem Amerikanischen von Birgitt Kollmann
Kapitel 1
Die Straße, die aus der Stadt hinausführt,
am Nebelhafen vorbei bis zu der Ortschaft Ödlang, ist
womöglich eine der unerfreulichsten Strecken der Welt.
Sie trägt den Namen Schaurige Chaussee. Die
Schaurige Chaussee führt zwischen Feldern von kränklich
grauer Farbe hindurch, auf denen eine Hand voll verkümmerter
Apfelbäume steht, deren Früchte so sauer sind,
dass dem Reisenden schon vom bloßen Anblick übel
wird. Später überquert die Schaurige Chaussee
den Fauligen Fluss, ein Gewässer, das zu neun Zehnteln
aus Sumpf besteht und in dem eine ausgesprochen nervtötende
Spezies der Gattung Fisch lebt. Zu allem Übel führt
die Straße auch noch an einer Meerrettichfabrik vorbei,
weshalb ein beißender, bitterer Geruch über der
gesamten Gegend liegt.
Ich bedaure, dir mitteilen zu müssen, lieber Leser,
dass gleich zu Beginn dieser Geschichte die Baudelaire-Waisen
auf eben jener höchst unerfreulichen Chaussee unterwegs
sind und dass von jetzt an alles immer nur noch schlimmer
wird. Von allen Menschen auf dieser Welt, die ein elendes
Leben führen – und davon gibt es, wie du sicherlich
weißt, eine ganze Menge – schießen die
jungen Baudelaires zweifellos den Vogel ab, ein Ausdruck,
der hier so viel bedeuten soll wie, dass ihnen mehr schreckliche
Dinge zugestoßen sind als vermutlich irgendwem sonst.
Ihr Elend begann mit einem gewaltigen Feuer, das ihr Heim
zerstörte und ihre liebevollen Eltern tötete.
Das allein wäre schon traurig genug für ein ganzes
Leben, aber im Falle der drei Geschwister sollte dies nur
der schlimme Anfang sein. Nach dem Brand wurden die drei
Kinder zu einem entfernten Verwandten geschickt, bei dem
sie von da an leben sollten. Graf Olaf, so hieß er,
war ein schrecklicher und geldgieriger Mensch. Die Eltern
Baudelaire hatten ein riesiges Vermögen hinterlassen,
das an die Kinder gehen sollte, sobald Violet volljährig
wäre. Graf Olaf war so besessen von dem Gedanken, das
Geld in seine schmierigen Hände zu bekommen, dass er
einen Plan ausheckte, der so gemein war, dass er mir bis
zum heutigen Tag Albträume bereitet. Zwar wurde Graf
Olaf gerade noch rechtzeitig entlarvt, doch er entkam und
schwor sich, das Baudelaire-Vermögen irgendwann in
der Zukunft doch noch an sich zu reißen. Violet, Klaus
und Sunny hatten noch immer schreckliche Träume, in
denen Graf Olaf vorkam, seine teuflisch funkelnden Augen,
seine eine zottige Augenbraue, vor allem aber das Auge,
das er als Tätowierung an einem Knöchel trug.
Es schien, als würde dieses Auge die Baudelaire-Waisen
auf Schritt und Tritt beobachten. Solltest du dieses Buch
also in der Hoffnung aufgeschlagen haben, dass die Kinder
von nun an glücklich und in Freuden leben, so muss
ich dir leider sagen, dass du es ebenso gut gleich wieder
zuschlagen und etwas anderes lesen kannst. Violet, Klaus
und Sunny, die dicht gedrängt auf dem Rücksitz
eines Autos saßen und durch die Fenster auf die Schaurige
Chaussee starrten, befanden sich auf dem Weg zu nur noch
mehr Kummer und Elend. Der Faulige Fluss und die Meerrettichfabrik
bildeten nur den Auftakt zu einer ganzen Reihe unerfreulicher
Erlebnisse, an die ich nicht denken kann, ohne dass mein
Gesicht sich schmerzhaft verzerrt und mir Tränen in
die Augen treten.
Am Steuer des Autos saß Mr. Poe, ein Freund der Familie,
der bei einer Bank arbeitete und ständig Husten hatte.
Er war damit betraut, die Angelegenheiten der Waisen zu
regeln, und also war er es auch, der entschieden hatte,
die Kinder nach all den unerfreulichen Erlebnissen mit Graf
Olaf in die Obhut eines entfernten Verwandten auf dem Lande
zu geben.
»Tut mir Leid, dass ihr es nicht bequemer habt«,
sagte Mr. Poe und hustete in ein weißes Taschentuch,
»aber in mein neues Auto passen einfach nicht allzu
viele Fahrgäste hinein. Nicht einmal einen einzigen
von euren Koffern haben wir verstauen können. So etwa
in einer Woche komme ich noch einmal und bringe sie euch.«
»Vielen Dank«, sagte Violet, die mit vierzehn
das älteste der Baudelaire-Kinder war. Jeder, der Violet
gut kannte, sah sofort, dass sie mit ihren Gedanken ganz
woanders war. Sie hatte nämlich ihr langes Haar mit
einem Band zusammengebunden, damit es ihr nicht ins Gesicht
fiel. Violet war eine Erfinderin, und immer, wenn sie etwas
erfand, band sie ihr Haar gern auf diese Weise zusammen.
So konnte sie klarer über die verschiedenen Zahnräder,
Drähte und Seile nachdenken, die zu den meisten ihrer
Erfindungen gehörten.
»Nachdem ihr so lange in der Stadt gelebt habt«,
fuhr Mr. Poe fort, »werdet ihr das Leben auf dem Land
sicherlich als angenehme Abwechslung empfinden. Oh, hier
ist ja schon die Abzweigung. Wir sind fast da.«
»Gut«, sagte Klaus leise.
Ihm ging es wie vielen
Menschen – er langweilte sich schrecklich auf Autofahrten,
und es tat ihm Leid, dass er kein Buch mitgenommen hatte.
Klaus las leidenschaftlich gern, und mit seinen knapp zwölf
Jahren hatte er schon mehr Bücher gelesen als die meisten
Menschen während ihres ganzen Lebens. Manchmal las
er bis spät in die Nacht, und morgens fand man ihn
dann tief schlafend, das Buch noch in der Hand und die Brille
auf der Nase.
»Auch Dr. Montgomery wird euch bestimmt gefallen«,
sagte Mr. Poe. »Er ist weit gereist und weiß
daher viele Geschichten zu erzählen. Sein Haus soll
voll gestopft sein mit Sachen, die er aus all den Ländern
mitgebracht hat, in denen er gewesen ist.«
»Bax!«, quiekte Sunny. Die jüngste der
Baudelaire-Waisen redete oft auf diese Art, wie Kleinkinder
es eben tun. Wenn sie nicht gerade mit ihren vier äußerst
scharfen Zähnen in irgendetwas hineinbiss, verbrachte
sie den Großteil ihrer Zeit damit, solche Wortfetzen
hervorzubringen. Es war oft schwer zu sagen, was sie eigentlich
meinte. In diesem Moment wollte sie vermutlich so etwas
Ähnliches sagen wie: »Ich bin ganz schön
aufgeregt bei dem Gedanken, einen neuen Verwandten kennen
zu lernen.« Das ging allen drei Geschwistern so.
»Wie ist Dr. Montgomery eigentlich genau mit uns verwandt?«,
wollte Klaus wissen.
»Dr. Montgomery ist – lass mich nachdenken –
der Bruder der Frau des Cousins deines verstorbenen Vaters.
Ich glaube, so müsste es stimmen. Er ist irgendeine
Art Wissenschaftler und bekommt einen Haufen Geld von der
Regierung.« Als Bankier interessierte sich Mr. Poe
immer sehr für alles, was mit Geld zusammenhing.
»Wie sollen wir ihn denn nennen?«, fragte Klaus.
»Ihr solltet ihn Dr. Montgomery nennen«, antwortete
Mr. Poe, »es sei denn, er erlaubt euch, Montgomery
zu ihm zu sagen. Sein Vorname ist auch Montgomery, wie sein
Nachname, so dass es letztlich keinen großen Unterschied
macht.«
»Er heißt also Montgomery Montgomery?«,
fragte Klaus schmunzelnd.
»Ja, und ich würde euch raten, euch über
diese Tatsache nicht zu mokieren, er ist in diesem Punkt
bestimmt sehr empfindlich«, sagte Mr. Poe und hustete
wieder in sein Taschentuch. »›Sich mokieren‹
bedeutet übrigens so viel wie ›sich lustig machen‹.«
Klaus seufzte. »Ich weiß, was ›sich mokieren‹
bedeutet«, sagte er. Was er nicht sagte, war, dass
er selbstverständlich auch wusste, dass es sich nicht
gehörte, sich über den Namen eines Menschen lustig
zu machen. Manche Leute schienen zu glauben, dass die Waisen,
nur weil ihnen so großes Unglück widerfahren
war, geistig eher beschränkt sein müssten.
Auch Violet seufzte und nahm
das Band aus ihrem Haar. Sie hatte versucht, etwas zu erfinden,
das den Geruch von Meerrettich daran hinderte, bis zu den
Nasen der Menschen zu gelangen, aber sie war zu aufgeregt
bei dem Gedanken an die Begegnung mit Dr. Montgomery, um
sich darauf konzentrieren zu können. »Wissen
Sie, was für eine Art Wissenschaftler er ist?«,
fragte sie. Vielleicht hatte Dr. Montgomery ja ein Laboratorium,
das ihr nützlich sein könnte.
»Leider nicht«, musste Mr. Poe eingestehen.
»Ich war vollauf damit beschäftigt, die Dinge
für euch drei zu regeln, so dass mir zum Plaudern kaum
Zeit blieb. Ah, hier ist die Auffahrt. Wir sind da.«
Mr. Poe lenkte seinen Wagen einen steilen Kiesweg hoch bis
vor ein riesiges Steinhaus. Die rechteckige Eingangstür
war aus dunklem Holz, und mehrere Säulen flankierten
das Portal. Zu beiden Seiten des Eingangs waren Lampen in
Gestalt von Fackeln angebracht, und trotz der Morgenstunde
leuchteten sie hell. Oberhalb der Haustür gab es mehrere
Reihen rechteckiger Fenster, von denen die meisten zum Lüften
offen standen. Vor dem Haus aber gab es etwas zu sehen,
das gelinde gesagt ungewöhnlich war: Am Rande des ausgedehnten,
gepflegten Rasens wuchs eine Hecke aus zahlreichen hohen,
schlanken Büschen in bemerkenswerten Formen. Als Mr.
Poes Wagen anhielt, erkannten die Baudelaires, dass die
Büsche so in Form geschnitten waren, dass sie wie Schlangen
aussahen. Jeder Busch glich einer anderen Schlange –
manche waren lang, andere kurz, manche züngelten, andere
sperrten ihre Mäuler auf und zeigten grässliche
grüne Giftzähne. Es sah ziemlich gruselig aus,
und Violet, Klaus und Sunny zögerten etwas, bevor sie
an ihnen vorbei auf das Haus zugingen.
Mr. Poe, der voranging, schien die Büsche gar nicht
wahrzunehmen, vielleicht deswegen, weil er vollauf damit
beschäftigt war, den Kindern einzubläuen, wie
sie sich benehmen sollten: »Also du, Klaus, stellst
bitte nicht wieder gleich zu Beginn so viele Fragen. Violet,
wo hast du deine Haarschleife gelassen? Ich fand, du sahst
sehr vornehm damit aus. Und einer von euch sollte darauf
achten, dass Sunny Dr. Montgomery nicht beißt. Das
würde bei der ersten Begegnung keinen guten Eindruck
machen.«
Mr. Poe war bei der Tür angelangt und läutete.
Es war die lauteste Türglocke, die die Kinder je gehört
hatten. Einen Moment lang blieb es still, dann näherten
sich Schritte. Violet, Klaus und Sunny sahen einander an.
Sie konnten natürlich nicht wissen, dass schon sehr
bald neues Elend auf sie zukommen sollte, aber trotzdem
fühlten sie sich unbehaglich. Ob Dr. Montgomery wohl
ein freundlicher Mensch war? Ob er wenigstens netter war
als Graf Olaf? Oder sollte er womöglich noch schlimmer
sein?
Langsam und knarrend ging die Tür auf, und die Baudelaire-Kinder
hielten den Atem an, während sie in die dunkle Eingangshalle
spähten. Sie sahen einen weinroten Teppich auf dem
Boden liegen. Sie sahen eine bleiverglaste Lampe von der
Decke baumeln. Sie sahen ein großes Ölgemälde
von zwei ineinander verschlungenen Schlangen an der Wand
hängen. Aber wo war Dr. Montgomery?
»Hallo?«, rief Mr. Poe. »Hallo?«
»Hallo, hallo, hallo!«, ertönte eine laute
Stimme, und hinter der Tür trat ein kleiner, rundlicher
Mann mit einem roten Gesicht hervor. »Ich bin euer
Onkel Monty, und ihr kommt genau im richtigen Augenblick!
Gerade eben ist meine Kokosnuss-Sahnetorte fertig geworden!«
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