 |

Leseprobe aus
Band 8: Das schaurige Spital
von Lemony Snicket
Aus dem Amerikanischen von Klaus Weimann
Kapitel 1
Es gibt zwei Gründe, warum ein Autor einen Satz mit dem Wort "Stopp" ganz in Großbuchstaben abschließen würde STOPP. Der erste Grund ist, dass er ein Telegramm schreibt; das ist eine codierte Botschaft, die über eine elektrische Leitung vermittelt wird STOPP. In einem Telegramm ist das Wort "Stopp" ganz in Großbuchstaben der Code für das Ende eines Satzes STOPP. Aber es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb ein Autor einen Satz mit "Stopp" ganz in Großbuchstaben beenden würde, wenn er nämlich seine Leser warnen will, dass das Buch, das sie gerade lesen, so absolut fürchterlich ist, dass es das Beste wäre, damit sofort wieder aufzuhören STOPP.
Dieses spezielle Buch zum Beispiel schildert eine besonders unglückliche Zeit im Leben von Violet, Klaus und Sunny Baudelaire. Und wenn du noch bei Verstand bist, wirst du dieses Buch sofort zuschlagen, es einen hohen Berg hinaufschleppen und von seiner höchsten Spitze hinunterschleudern STOPP. Es gibt keinen Grund auf der Welt, warum du auch nur ein einziges weiteres Wort über das Unglück, den Verrat und das Elend lesen solltest, die die drei Baudelaire-Kinder erwarten - genauso wenig, wie du auf die Straße laufen und dich vor einen fahrenden Bus werfen solltest STOPP. Dieser mit STOPP endende Satz ist deine allerletzte Gelegenheit, die STOPP als ein Stoppschild zu betrachten. Indem du das "STOPP" befolgst und aufhörst zu lesen, wirst du die Flut von Verzweiflung eindämmen können, die in diesem Buch auf dich wartet, und den herzzerreißenden Schrecken, der schon im nächsten Satz beginnt STOPP.
Die Baudelaire-Waisen machten einen Stopp. Es war früh am Morgen und die drei Kinder hatten eine stundenlange Wanderung durch die flache und ihnen fremde Landschaft hinter sich. Sie waren durstig und erschöpft und wussten nicht, wo sie sich befanden, was drei gute Gründe sind, eine lange Wanderung zu beenden. Andererseits waren sie aber auch ängstlich, verzweifelt und nicht allzu weit von Menschen entfernt, die es auf sie abgesehen hatten, was drei gute Gründe sind, um weiterzumarschieren.
Die Geschwister hatten schon seit Stunden nicht mehr miteinander geredet, um auch den kleinsten Rest an Energie dafür zu nutzen, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber nun wussten sie, dass sie anhalten mussten, wenn auch nur für einen Augenblick, um darüber zu sprechen, was sie als Nächstes tun sollten.
Die Kinder standen vor dem "Kaufhaus Zur Letzten Gelegenheit", dem einzigen Gebäude, auf das sie während ihres langen und verzweifelten Nachtmarschs gestoßen waren. Außen war das Geschäft mit verblichenen Plakaten bedeckt, die Reklame machten für das, was hier verkauft wurde. Im gespenstischen Licht des Halbmonds konnten die Baudelaires erkennen, dass in dem Kaufhaus frische Limetten, Plastikmesser, Fleischkonserven, weiße Briefumschläge, Bonbons mit Mangogeschmack, Rotwein, lederne Brieftaschen, Modezeitschriften, Goldfischgläser, Schlafsäcke, getrocknete Feigen, Pappkartons, zweifelhafte Vitaminpillen und viele andere Dinge zu erstehen waren. Nirgendwo war an dem Gebäude allerdings ein Plakat zu sehen, auf dem Hilfe angeboten wurde, das wäre aber genau das gewesen, was die Baudelaires eigentlich gebraucht hätten.
"Ich denke, wir sollten hineingehen", sagte Violet und holte ein Band aus der Tasche, um ihr Haar zurückzubinden. Violet, die Älteste der Baudelaires, war wahrscheinlich die beste vierzehnjährige Erfinderin der Welt, und sie band immer ihr Haar zurück, wenn sie ein Problem zu lösen hatte. In diesem Augenblick versuchte sie, für das größte Problem, vor dem sie und ihre Geschwister je gestanden hatten, eine Lösung zu finden. "Vielleicht ist da jemand drin, der uns irgendwie helfen kann."
"Aber vielleicht ist da auch jemand drin, der uns in der Zeitung gesehen hat", entgegnete Klaus, der mittlere Baudelaire, der vor kurzem seinen dreizehnten Geburtstag in einer dreckigen Gefängniszelle verbracht hatte. Klaus besaß das Talent, sich an fast jedes Wort in fast all den Tausenden von Büchern zu erinnern, die er gelesen hatte. Er runzelte die Stirn, als er sich jetzt an einige falsche Sätze erinnerte, die kürzlich über ihn selbst in der Zeitung gestanden hatten. "Wenn sie in den Tagespedanten geschaut haben", fuhr er fort, "glauben sie vielleicht all diese schrecklichen Dinge über uns. Dann werden sie uns überhaupt nicht helfen."
"Agery!", sagte Sunny. Sie war noch ein Kleinkind, und wie bei den meisten Kleinkindern entwickelten sich verschiedene Körperteile von ihr mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Sie hatte zum Beispiel nur vier Zähne, aber jeder von ihnen war so scharf wie der eines ausgewachsenen Löwen.
Obwohl Sunny vor kurzem laufen gelernt hatte, verfügte sie noch nicht über die Fähigkeit, immer so zu sprechen, dass alle Erwachsenen sie verstehen konnten. Ihre Geschwister jedoch wussten sofort, was sie sagen wollte:
"Nun, wir können nicht ewig weiterlaufen", und die beiden älteren Baudelaires nickten zustimmend.
"Sunny hat Recht", sagte Violet. "Es heißt 'Kaufhaus Zur Letzten Gelegenheit'. Das klingt so, als ob es meilenweit das einzige Gebäude ist. Es könnte unsere letzte Chance sein, Hilfe zu bekommen."
"Schaut nur", sagte Klaus und deutete auf einen Anschlag, der hoch oben an einer Ecke des Gebäudes angeklebt war. "Hier können wir ein Telegramm aufgeben. Vielleicht erhalten wir auf diese Weise Hilfe."
"Wem sollten wir ein Telegramm schicken?", fragte Violet. Und noch einmal mussten die Baudelaires eine Pause einlegen und nachdenken. Wenn es dir wie den meisten Leute geht, dann hast du eine Menge Freunde und Familienangehörige, an die du dich mit Problemen wenden kannst. Würdest du zum Beispiel mitten in der Nacht aufwachen und sehen, wie eine maskierte Frau versucht, durch dein Schlafzimmerfenster einzusteigen, dann könntest du deine Mutter oder deinen Vater rufen, damit sie dir helfen, die Frau wieder hinauszuwerfen. Oder wenn du dich mitten in einer fremden Stadt hoffnungslos verirrt hast, könntest du die Polizei bitten, dich wieder nach Hause zu fahren. Oder wenn du ein Schriftsteller wärst, der in einem italienischen Restaurant eingeschlossen ist, das langsam voll Wasser läuft, dann könntest du deine Bekannten anrufen, die im Schlosser-, Nudel- und Schwammgewerbe tätig sind, damit sie kommen und dich retten.
Die Probleme der Baudelaire-Kinder jedoch hatten mit der Nachricht begonnen, dass ihre Eltern in einem schrecklichen Feuer umgekommen waren, daher konnten sie sich nicht an ihre Mutter oder ihren Vater wenden. Die Geschwister konnten auch nicht die Polizei zu Hilfe rufen, denn die waren auch unter den Leuten, die die ganze Nacht lang hinter ihnen her gewesen waren. Und sie konnten sich auch nicht an ihre Bekannten wenden, weil so viele von denen einfach nicht in der Lage waren, ihnen zu helfen. Nach dem Tod der Baudelaire-Eltern hatten Violet, Klaus und Sunny nämlich in der Obhut verschiedener Vormünder gelebt. Einige von ihnen waren grausam gewesen. Andere waren ermordet worden. Und einer von ihnen war Graf Olaf, ein habgieriger und hinterhältiger Bösewicht. Er war der eigentliche Grund dafür, dass die Kinder jetzt ganz allein mitten in der Nacht vor dem "Kaufhaus Zur Letzten Gelegenheit" standen und sich fragten, an wen in aller Welt sie sich um Hilfe wenden könnten.
"Poe", sagte Sunny schließlich. Sie sprach von Mr. Poe, einem Bankangestellten mit einem bösen Husten, der die Aufgabe hatte, sich nach dem Tod der Eltern um die Kinder zu kümmern. Mr. Poe war zwar niemals besonders hilfreich gewesen, aber wenigstens war er nicht grausam oder ermordet oder Graf Olaf, und das schienen ausreichend Gründe, sich an ihn zu wenden.
"Ich denke, wir könnten es mit Mr. Poe versuchen", stimmte Klaus zu. "Das Schlimmste, was er tun könnte, wäre, Nein zu sagen."
"Oder zu husten", sagte Violet mit einem leisen Lächeln. Ihre Geschwister mussten ebenfalls lächeln und die drei Kinder stießen die rostige Tür auf und gingen hinein.
"Lou, bist du das?", rief eine Stimme, aber die Kinder konnten nicht sehen, wem sie gehörte. Das Innere des "Kaufhauses Zur Letzten Gelegenheit" war genauso überladen wie sein Äußeres. Jeder Zentimeter war voll gestellt mit Sachen, die zum Verkauf standen. Es gab Regale mit Spargelkonserven und Bretter voller Füllfederhalter neben Fässern mit Zwiebeln und Kisten voller Pfauenfedern. Es gab Küchengeräte, die an die Wand genagelt waren, und Kronleuchter, die von der Decke hingen, und der Fußboden bestand aus tausend unterschiedlichen Fliesen, von denen jede mit einem Preisschildchen beklebt war. "Bringst du die Morgenzeitung?", fragte die Stimme.
"Nein", antwortete Violet, während die Baudelaires versuchten, sich einen Weg zu der Person zu bahnen, deren Stimme sie gehört hatten. Umständlich stiegen sie über einen Karton Katzenfutter und bogen um eine Ecke, um auf Reihen über Reihen von Fischernetzen zu stoßen, die ihnen den Weg versperrten.
"Das wundert mich nicht, Lou", fuhr die Stimme fort, als die Geschwister umkehrten und einen Gang entlanggingen, der mit einem Stapel Spiegel, einem Haufen Socken, mit Efeutöpfen und Streichholzbriefchen angefüllt war. "Normalerweise erwarte ich den Tagespedanten nicht, bevor die Freiwilligen Freudenspender kommen."
Die Kinder hörten für einen Augenblick auf, nach dem Ursprung der Stimme zu suchen, blickten sich gegenseitig an und dachten an ihre Freunde Duncan und Isidora Quagmeir.
Duncan und Isidora waren zwei Drillinge, die wie die Baudelaires ihre Eltern und noch dazu ihren Bruder Quigley in einem schrecklichen Feuer verloren hatten. Die Quagmeirs waren mehrmals in die Hände von Graf Olaf gefallen und ihm erst kürzlich entkommen, aber die Baudelaires wussten nicht, ob sie ihre Freunde jemals wieder sehen würden. Und ob sie das Geheimnis entschlüsseln könnten, das die Drillinge aufgedeckt und in ihren Notizbüchern niedergeschrieben hatten. Dieses Geheimnis betraf die Initialen F. F. Doch die einzigen anderen Hinweise, die die Baudelaires dazu hatten, waren ein paar Seiten aus Duncans und Isidoras Notizbüchern, und die drei Geschwister hatten kaum die Zeit gefunden, sie durchzusehen. Konnte "Freiwillige Freudenspender" etwa die Antwort sein, nach der die Kinder suchten?
"Nein, wir sind nicht Lou", rief Violet. "Wir sind drei Kinder und wir müssen ein Telegramm aufgeben."
"Ein Telegramm?", fragte die Stimme, und als die Kinder um eine weitere Ecke bogen, prallten sie beinahe mit dem Mann zusammen, der mit ihnen gesprochen hatte. Er war sehr klein, kleiner noch als Violet und Klaus, und er sah aus, als hätte er eine ganze Weile nicht geschlafen oder sich rasiert. Er trug zwei verschiedene Schuhe, jeder mit einem Preisschildchen versehen, und mehrere Hemden und Hüte übereinander. Er war so in Waren eingehüllt, dass er selbst fast wie ein Stück des Ladens aussah, abgesehen von seinem freundlichen Lächeln und den dreckigen Fingernägeln.
"Ihr seid mit Sicherheit nicht Lou", sagte er. "Lou ist ein einzelner dicker Mann und ihr seid drei magere Kinder. Was treibt ihr hier so früh? Es ist gefährlich in dieser Gegend, wisst ihr. Ich habe gehört, dass der Tagespedant von heute Morgen einen Bericht über drei Mörder enthält, die sich genau in dieser Umgebung herumtreiben, aber ich habe den Artikel noch nicht gelesen."
"Zeitungsberichte treffen nicht immer zu", sagte Klaus nervös.
Der Ladeninhaber runzelte die Stirn. "Unsinn", sagte er. "Der Tagespedant würde nie Sachen drucken, die nicht wahr sind. Wenn die Zeitung sagt, jemand ist ein Mörder, dann ist er ein Mörder, und damit hat sich's. Also, ihr habt gesagt, ihr wollt ein Telegramm aufgeben?"
"Ja", antwortete Violet. "An Mr. Poe bei der Vereinigten Vermögensverwaltung in der Stadt."
"Das wird einen Haufen Geld kosten, ein Telegramm die ganze Strecke bis in die Stadt zu schicken", sagte der Ladenbesitzer und die Baudelaires blickten sich bekümmert an.
"Wir haben kein Geld dabei", gab Klaus zu. "Wir sind drei Waisenkinder, und das einzige Geld, das wir besitzen, wird von Mr. Poe verwaltet. Bitte, Sir."
"SOS!", sagte Sunny.
"Meine Schwester meint: 'Es ist ein Notfall'", erklärte Violet, "und das ist es auch."
Der Ladeninhaber betrachtete sie einen Augenblick, dann zuckte er die Achseln. "Wenn es wirklich ein Notfall ist", sagte er, "dann will ich euch nichts berechnen. Ich berechne niemals Dinge, wenn sie wirklich wichtig sind. Die Freiwilligen Freudenspender zum Beispiel. Immer wenn sie hier halten, gebe ich ihnen umsonst Benzin, weil sie so wunderbare Arbeit leisten."
"Was genau machen sie denn?", fragte Violet.
"Sie spenden Freude natürlich", antwortete der Mann. "Sie kommen täglich früh am Morgen hier vorbei auf ihrem Weg zum Krankenhaus. Jeden Tag widmen sie sich der Aufgabe, die Patienten aufzumuntern, und ich bringe es nicht übers Herz, Geld von ihnen zu verlangen."
"Sie sind ein sehr freundlicher Mensch", meinte Klaus.
"Nun, es ist freundlich von dir, das zu sagen", antwortete der Ladenbesitzer. "Also, das Gerät, mit dem man Telegramme losschickt, ist da drüben neben all den Porzellankätzchen. Ich werde euch helfen."
"Das können wir schon allein", sagte Violet. "Ich habe selbst so ein Gerät gebaut, als ich sieben war, daher weiß ich, wie man den Stromkreis schließt."
"Und ich habe zwei Bücher über das Morsealphabet gelesen", sagte Klaus. "Daher kann ich unsere Nachricht in elektrische Signale umsetzen."
"Hilf.", sagte Sunny.
"Was für begabte Kinder", meinte der Ladeninhaber lächelnd. "Gut, dann lass ich euch drei allein. Ich hoffe, dieser Mr. Poe kann euch in eurem Notfall helfen."
"Vielen Dank, Sir", sagte Violet. "Das hoffe ich auch."
Der Mann winkte den Kindern freundlich zu und verschwand hinter einer Auslage mit Kartoffelschälern. Die Baudelaires blickten sich aufgeregt an.
"Freiwillige Freudenspender?", flüsterte Klaus Violet zu. "Glaubst du, wir haben endlich die richtige Bedeutung von F. F. gefunden?"
"Jacques!", erklärte Sunny.
"Jacques hat davon gesprochen, dass er als Freiwilliger gearbeitet hat", stimmte Klaus zu. "Wenn wir nur einen Augenblick Zeit hätten, um die Seiten aus den Quagmeir-Notizbüchern durchzusehen. Sie sind noch in meiner Tasche."
"Die wichtigen Dinge zuerst", sagte Violet. "Lasst uns das Telegramm an Mr. Poe schicken. Wenn Lou den Tagespedanten von heute Morgen ausliefert, wird der Besitzer aufhören, uns für eine Gruppe begabter Kinder zu halten, und stattdessen anfangen, uns für Mörder zu halten."
"Du hast Recht", sagte Klaus. "Wenn Mr. Poe uns aus diesem Schlamassel herausgeholt hat, haben wir immer noch Zeit, über die anderen Dinge nachzudenken."
"Trosslik", sagte Sunny. Sie meinte so etwas wie: "Du meinst, falls Mr. Poe uns überhaupt aus diesem Schlamassel herausholt", und ihre Geschwister nickten grimmig. Sie gingen hinüber, um sich den Telegraphen anzuschauen. Er bestand aus einer Anordnung von Spulen, Drähten und merkwürdigen Metallteilen, die ich selber nie anfassen würde, aber die Baudelaires machten sich voller Zuversicht an den Apparat.
"Ich bin ganz sicher, dass wir damit umgehen können", meinte Violet. "Es sieht ziemlich einfach aus. Schau her, Klaus, du benutzt diese Taste, um die Nachricht im Morsealphabet zu tippen, und ich schließe hier den Stromkreis. Sunny, du stellst dich da drüben hin und setzt diese Kopfhörer auf, damit du hörst, ob die Signale auch übermittelt werden. Lasst uns an die Arbeit gehen."
Die Kinder gingen an die Arbeit, eine Wendung, die hier bedeutet: "Sie nahmen ihre Positionen um den Telegraphen ein." Violet drehte die Wählscheibe, Sunny setzte die Kopfhörer auf und Klaus wischte die Gläser seiner Brille sauber, um auch alles ganz klar sehen zu können. Die Geschwister nickten sich zu und Klaus fing an, laut zu sprechen, während er die Nachricht in Morseschrift tippte.
"An: Mr. Poe in der Vereinigten Vermögensverwaltung", sagte Klaus. "Von: Violet, Klaus und Sunny Baudelaire. Glauben Sie bitte nicht die Geschichte, die über uns im Tagespedanten steht STOPP. Graf Olaf ist nicht wirklich tot und wir haben ihn nicht wirklich ermordet STOPP."
"Arrete?", fragte Sunny.
"STOPP ist der Code für das Ende eines Satzes", erklärte Klaus. "Also, was soll ich als Nächstes sagen?"
"Bald nach unserer Ankunft im Dorf F. F. erfuhren wir, dass Graf Olaf gefasst worden sei STOPP", diktierte Violet. "Obwohl der Verhaftete ein Auge auf seinem Knöchel tätowiert und nur eine einzige Augenbraue hatte statt zwei, war er nicht Graf Olaf STOPP. Sein Name war Jacques Snicket STOPP."
"Am nächsten Tag wurde er ermordet aufgefunden und Graf Olaf kam in das Dorf zusammen mit seiner Freundin Esmé Elend STOPP", fuhr Klaus fort und tippte weiter. "Als Teil seines Plans, das Vermögen unserer Eltern zu stehlen, hat sich Graf Olaf als Detektiv verkleidet und die Einwohner von F. F. davon überzeugt, wir wären die Mörder STOPP."
"Uckner", schlug Sunny vor und Klaus übersetzte, was sie gesagt hatte, ins Morsealphabet: "In der Zwischenzeit hatten wir entdeckt, wo die Quagmeir-Drillinge versteckt gehalten wurden, und haben ihnen zur Flucht verholfen STOPP. Es ist den Quagmeirs gelungen, uns ein paar Fetzen ihrer Notizbücher zu geben, damit wir die wahre Bedeutung von F. F. herausbekommen STOPP."
"Wir konnten vor den Einwohnern des Dorfes fliehen, die uns für einen Mord, den wir nicht begangen haben, auf dem Scheiterhaufen verbrennen wollten STOPP", sagte Violet, und Klaus tippte den Satz rasch ein, bevor er zwei letzte eigene Sätze anfügte.
"Bitte antworten Sie sofort STOPP. Wir sind in großer Gefahr STOPP."
Klaus tippte das letzte P in "STOPP" und sah dann seine Schwestern an. "Wir sind in großer Gefahr", wiederholte er, wenngleich sich seine Hand auf dem Apparat nicht mehr bewegte.
"Den Satz hast du schon gesendet", sagte Violet. "Ich weiß", entgegnete Klaus ruhig. "Ich wollte ihn nicht noch einmal in das Telegramm einfügen. Ich habe ihn nur noch einmal ausgesprochen. Wir sind in großer Gefahr. Es ist so, als ob mir gar nicht richtig klar war, wie groß die Gefahr tatsächlich ist, bevor ich es in das Telegramm getippt habe."
"Ilimi", sagte Sunny und nahm die Kopfhörer ab, so dass sie den Kopf auf die Schulter von Klaus legen konnte.
"Ich habe auch Angst", gab Violet zu und tätschelte ihrem Schwesterchen die Schulter. "Aber ich bin sicher, Mr. Poe wird uns helfen. Man kann nicht erwarten, dass wir dieses Problem ganz allein lösen."
"Aber seit dem Feuer haben wir alle anderen Probleme auch alleine lösen müssen", sagte Klaus. "Mr. Poe hat nie etwas anderes getan, außer uns von einem katastrophalen Heim ins andere zu schicken."
"Diesmal wird er uns helfen", insistierte Violet, obwohl sie nicht sehr überzeugt klang. "Achtet nur auf das Gerät. Mr. Poe wird jetzt jeden Augenblick ein Antworttelegramm schicken."
"Aber was ist, wenn er das nicht tut?", fragte Klaus.
"Chonex", murmelte Sunny und kuschelte sich dichter an ihre Geschwister. Sie meinte etwas in der Art von "Dann sind wir allein", was eine merkwürdige Aussage ist, wenn du dich bei deinen beiden Geschwistern mitten in einem voll gestopften Kaufhaus befindest, in dem du dich kaum rühren kannst. Aber während die Baudelaires eng beieinander hockten und den Telegraphen beobachteten, kam ihnen das überhaupt nicht merkwürdig vor. Sie waren umgeben von Nylonseilen, Bohnerwachs, Suppenschüsseln, Fenstervorhängen, hölzernen Schaukelpferden, Zylinderhüten, Glasfaserkabeln, rosa Lippenstiften, getrockneten Aprikosen, Vergrößerungsgläsern, schwarzen Schirmen, langen Farbpinseln, Französischen Hörnern und von sich selbst. Aber als die Waisen so dasaßen und auf eine Antwort auf ihr Telegramm warteten, hatten sie immer mehr das Gefühl, vollkommen allein zu sein.
ZURÜCK
|
 |