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Leseprobe aus
Band 3: Der Seufzersee
von Lemony Snicket
Aus dem Amerikanischen von Klaus Weimann
Kapitel 1
Wer die Baudelaire-Waisen nicht kennt, könnte, wenn
er sie so am Damokleskai auf ihren Koffern sitzen sieht,
annehmen, ihnen stünde ein aufregendes Abenteuer bevor.
Schließlich waren die drei Kinder soeben aus der Freudlosen
Fähre ausgestiegen, die sie über den Seufzersee
gebracht hatte, um bei ihrer Tante Josephine zu leben. Und
normalerweise wäre das der Anfang eines aufregenden
und erfreulichen Lebens.
Aber natürlich wäre eine solche Annahme grundlegend
falsch. Denn obwohl Violet, Klaus und Sunny Baudelaire aufregende
und unvergessliche Erfahrungen bevorstanden, sollten sie
doch nicht in der Art aufregend und unvergesslich sein,
wie wenn einem die Zukunft vorausgesagt wird oder man einen
Zirkus besucht. Ihre Abenteuer sollten vielmehr so aufregend
und unvergesslich sein, als ob man um Mitternacht von einem
Werwolf über ein Feld voller Dornengestrüpp gejagt
wird und kein Mensch in der Nähe ist, der einem helfen
kann. Wenn du eine aufregende, aber erfreuliche Geschichte
lesen möchtest, dann muss ich dir leider sagen, dass
du mit Sicherheit das falsche Buch in der Hand hast, denn
die Baudelaires erleben im Verlauf ihres bedrückenden
und jammervollen Lebens nur sehr wenig Erfreuliches. Ihr
Unglück ist ganz entsetzlich, so entsetzlich, dass
ich mich kaum dazu durchringen kann, darüber zu schreiben.
Wenn du also lieber keine tragische und traurige Geschichte
lesen möchtest, dann hast du hiermit eine allerletzte
Möglichkeit, dieses Buch beiseite zu legen; das Elend
der Baudelaire-Waisen beginnt nämlich bereits mit der
nächsten Zeile.
»Schaut, was ich euch mitgebracht habe«, sagte
Mr. Poe. Er grinste über beide Ohren und hielt ihnen
eine kleine Papiertüte hin. »Pfefferminzbonbons!«
Mr. Poe arbeitete bei einer Bank und musste sich nach dem
Tode der Baudelaire-Eltern um die Angelegenheiten der Waisen
kümmern. Mr. Poe war ein herzensguter Mann, aber es
reicht in dieser Welt nicht aus, herzensgut zu sein, besonders
dann nicht, wenn man Kinder vor Gefahren beschützen
soll. Mr. Poe kannte die Kinder seit ihrer Geburt; trotzdem
hatte er nicht daran gedacht, dass sie gegen Pfefferminzbonbons
allergisch waren.
»Danke, Mr. Poe«, sagte Violet,
nahm die Papiertüte
und blickte hinein. Wie die meisten Vierzehnjährigen
war Violet zu wohlerzogen, um zu erwähnen, dass sie
nach dem Genuss eines Pfefferminzbonbons einen Nesselausschlag
erleben würde, was »eine Pustelexplosion, die
den Körper für ein paar Stunden mit roten juckenden
Placken bedeckt,« bedeutet. Außerdem war sie
gerade viel zu sehr mit erfinderischen Überlegungen
beschäftigt, um groß auf Mr. Poe zu achten. Jeder,
der Violet kannte, wusste, dass, wenn ihr Haar – wie
gerade jetzt – mit einem Band zusammengehalten war,
um es aus den Augen zu halten, ihr Kopf mit Hebeln, Scheiben,
Zahnrädern und anderen Gegenständen angefüllt
war, wie man sie für Erfindungen braucht. In diesem
Augenblick dachte sie darüber nach, wie sie den Motor
der Freudlosen Fähre so verbessern könnte, dass
er keinen Rauch mehr in den grauen Himmel spuckte.
»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, sagte Klaus,
das mittlere der Baudelaire-Kinder, lächelnd zu Mr.
Poe. Dabei dachte er daran, dass seine Zunge, wenn er nur
kurz an einem Pfefferminz lutschte, sofort anschwellen würde
und er kaum in der Lage wäre zu sprechen. Klaus nahm
seine Brille ab und wünschte, Mr. Poe hätte ihm
statt der Bonbons besser ein Buch oder eine Zeitung gekauft.
Klaus war eine richtige Leseratte, und kaum hatte er im
Alter von acht Jahren bei einer Geburtstagsfeier die erste
Erfahrung mit seiner Allergie gemacht, da hatte er sofort
alle Bücher seiner Eltern über Allergien gelesen.
Noch vier Jahre danach konnte er die chemischen Formeln
auswendig, die für das Anschwellen seiner Zunge verantwortlich
waren.
»Toi!«, quiekte Sunny.
Die Jüngste der
Baudelaires war noch ein Kleinkind, und wie die meisten
Kleinkinder sprach sie überwiegend in Worten, die schwer
zu verstehen waren. Mit »Toi!« meinte sie wahrscheinlich:
»Ich habe noch nie ein Pfefferminzbonbon gegessen,
weil ich befürchte, dass ich wie meine Geschwister
allergisch dagegen bin«, aber ganz sicher konnte
man sich da nicht sein. Es wäre auch möglich,
dass sie sagen wollte: »Ich wünschte, ich könnte
in ein Pfefferminzbonbon beißen, denn ich liebe es,
mit meinen vier scharfen Zähnen in Dinge zu beißen,
aber ich möchte lieber keine allergische Reaktion riskieren.«
»Ihr könnt sie während der Taxifahrt zum
Haus von Mrs. Anwhistle lutschen«, sagte Mr. Poe und
hustete in sein weißes Taschentuch. Er war anscheinend
immer erkältet, und die Baudelaire-Waisen waren schon
daran gewöhnt, alle Mitteilungen von ihm zwischen Anfällen
von trockenem Husten und Krächzen zu erhalten. »Sie
lässt sich entschuldigen, dass sie euch nicht vom Kai
abholt, aber sie hat Angst davor.«
»Warum sollte sie Angst vor einem Kai haben?«,
fragte Klaus und blickte sich nach den hölzernen Landestegen
und den Segelbooten um.
»Sie hat vor allem Angst, was mit dem Seufzersee zu
tun hat«, sagte Mr. Poe, »aber sie hat nicht
gesagt, warum. Vielleicht hat es mit dem Tod ihres Mannes
zu tun. Eure Tante Josephine – in Wirklichkeit ist
sie natürlich nicht eure Tante, sondern die Schwägerin
eurer Kusine zweiten Grades, aber sie hat darum gebeten,
dass ihr sie Tante Josephine nennt –, eure Tante Josephine
hat kürzlich ihren Mann verloren, und es könnte
sein, dass er ertrunken oder bei einem Bootsunglück
umgekommen ist. Ich hielt es für unhöflich, nachzufragen,
wie sie zur Wittib geworden ist. Nun, dann will ich euch
mal in ein Taxi verfrachten.«
»Was bedeutet dieses Wort?«, fragte Violet.
Mr. Poe blickte Violet mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Ich bin erstaunt über dich, Violet«, sagte
er. »Ein Mädchen in deinem Alter sollte eigentlich
wissen, dass ein Taxi ein Auto ist, das dich gegen eine
Gebühr irgendwohin bringt. Also lasst uns euer Gepäck
zusammensuchen und an die Bordsteinkante treten.«
»Wittib«, flüsterte Klaus Violet zu,
»ist
ein hochgestochenes Wort für Witwe.«
»Danke«, flüsterte sie zurück und
nahm ihren Koffer in die eine Hand und Sunny an die andere.
Mr. Poe schwenkte sein Taschentuch in der Luft, um ein Taxi
herbeizurufen; im Nu verstaute der Taxifahrer das ganze
Gepäck der Baudelaires im Kofferraum, und Mr. Poe verstaute
die Baudelaire-Kinder auf dem Rücksitz.
»Ich verabschiede mich hier von euch«, sagte
Mr. Poe. »In der Bank wird schon gearbeitet, und ich
bekomme nichts mehr geschafft, wenn ich euch begleite. Grüßt
eure Tante bitte von mir, und richtet ihr aus, dass ich
in Verbindung mit ihr bleiben werde.« Mr. Poe machte
eine Pause und hustete in sein Taschentuch, bevor er fortfuhr:
»Also, Josephine hat ein wenig Angst davor, drei Kinder
in ihrem Haus zu haben, aber ich habe ihr versichert, dass
ihr euch sehr gut zu benehmen wisst. Passt also auf und
achtet auf eure Manieren. Wie immer könnt ihr mich
in der Bank anrufen oder mir ein Fax schicken, wenn es irgendein
Problem gibt. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass
diesmal irgendetwas schief geht.«
Als Mr. Poe »diesmal« sagte, blickte er die
Kinder bedeutungsvoll an, als ob es ihre Schuld wäre,
dass Onkel Monty tot war. Die Baudelaires waren jedoch vor
dem Treffen mit ihrem neuen Vormund zu nervös, um Mr.
Poe mehr zu sagen als »bis dann«.
»Bis dann«, sagte Violet und steckte die Tüte
mit den Pfefferminzbonbons in die Tasche.
»Bis dann«, sagte Klaus und warf einen letzten
Blick auf den Damokleskai.
»Frul!«, kreischte Sunny und kaute
auf dem Verschluss ihres Sicherheitsgurtes herum.
»Bis dann«, erwiderte Mr. Poe, »und viel
Glück. Ich werde so oft wie möglich an euch denken.«
Mr. Poe gab dem Taxifahrer etwas Geld und winkte den drei
Kindern zum Abschied nach, als das Auto vom Bordstein abfuhr
und in eine graue Straße mit Kopfsteinpflaster einbog.
Sie kamen an einem kleinen Lebensmittelgeschäft vorbei,
vor dem Fässer mit Limetten und Rüben standen.
Sie sahen ein Kleidergeschäft namens Das könnte
Ihnen so passen!, das offenbar gerade renoviert wurde. Und
da war ein fürchterlich aussehendes Restaurant Zum
Bangen Clown mit Neonleuchten und Luftballons im Fenster.
Die meisten Läden und Geschäfte jedoch waren mit
Brettern oder Metallgittern vor Fenstern und Türen
verrammelt.
»Die Stadt scheint nicht gerade sehr bevölkert«,
bemerkte Klaus. »Ich hatte gehofft, wir könnten
hier ein paar neue Freunde finden.«
»Die Saison ist vorbei«, sagte der Taxifahrer,
ein dürrer Mann, dem eine dünne Zigarette aus
dem Mundwinkel hing, und während er mit den Kindern
sprach, betrachtete er sie im Rückspiegel. »Die
Stadt Seufzersee ist ein Kurort, und wenn schönes Wetter
herrscht, ist sie gestopft voll. Aber um diese Zeit ist
alles so tot wie die Katze, die ich heute Morgen überfahren
habe. Um neue Freunde zu finden, müsst ihr warten,
bis das Wetter etwas besser wird. Übrigens: Der Hurrikan
Hermann wird in etwa einer Woche in der Stadt erwartet.
Ihr solltet dafür sorgen, dass ihr genug Verpflegung
da oben im Haus habt.«
»Ein Hurrikan auf einem See?«, fragte Klaus.
»Ich dachte immer, Hurrikane kommen nur in der Nähe
des Meeres vor.«
»Auf einem Gewässer so groß wie der Seufzersee«,
sagte der Fahrer, »kann alles passieren. Ehrlich gesagt
hätte ich etwas Angst, oben auf dieser Anhöhe
zu wohnen. Wenn der Sturm erst einmal losbricht, wird es
schwierig, den ganzen Weg hinab in die Stadt zu fahren.«
Violet, Klaus und Sunny sahen zum Fenster hinaus und verstanden,
was der Fahrer mit »den ganzen Weg hinab« gemeint
hatte. Das Taxi hatte eine letzte Kurve umrundet und war
auf der zerklüfteten Kuppe eines ganz, ganz hohen Hügels
angekommen. Ganz, ganz tief unten konnten die Kinder die
Stadt sehen, die Straße mit dem Kopfsteinpflaster,
die sich wie eine winzige graue Schlange um die kastenförmigen
Gebäude wand, und das kleine Viereck des Damokleskais
mit stecknadelkopfgroßen hin und her eilenden Menschen
darauf. Und jenseits des Kais sah man wie einen Tintenklecks
den Seufzersee, riesig und finster, als ob ein Ungeheuer
über den drei Waisenkindern stünde und einen riesigen
Schatten nach unten würfe. Für ein paar Augenblicke
starrten die Kinder auf den See, wie hypnotisiert von diesem
gigantischen Fleck auf der Landschaft.
»Der See ist wirklich gigantisch«, sagte Klaus,
»und wie tief er aussieht. Ich kann fast verstehen,
warum Tante Josephine sich vor ihm fürchtet.«
»Die Dame, die hier oben lebt«, fragte der Taxifahrer,
»fürchtet sich vor dem See?«
»Das hat man uns gesagt«, antwortete Violet.
Der Fahrer schüttelte den Kopf und hielt an. »Ich
kapier nicht, wie sie’s dann hier aushalten kann.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Violet.
»Wollt ihr sagen, ihr wart noch nie in diesem Haus?«,
fragte er.
»Nein, niemals«, antwortete Klaus. »Wir
kennen auch unsere Tante Josephine nicht.«
»Also, wenn eure Tante Josephine Angst vor dem Wasser
hat«, sagte der Taxifahrer, »dann glaube ich
nicht, dass sie in diesem Haus wohnt.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte jetzt Klaus.
»Schaut euch doch mal um«, sagte der Fahrer
und stieg aus.
Die Baudelaires schauten sich um. Zunächst sahen die
drei Kinder nur einen kleinen viereckigen Kasten mit einer
Tür, von der die weiße Farbe abblätterte,
und es sah aus, als wäre das Haus kaum größer
als das Taxi, das sie hierher gebracht hatte. Aber als sie
aus dem Wagen kletterten und näher an das Haus herangingen,
sahen sie, dass dieser kleine Kasten der einzige Teil des
Hauses war, der sich auf der Kuppe des Hügels befand.
Der Rest – eine ganze Reihe viereckiger Schachteln,
die wie Eiswürfel zusammenklebten – hing über
die Kante des Hügels und war nur mit langen Metallstelzen
an ihm befestigt, die wie Spinnenbeine aussahen. Als die
drei Waisenkinder auf ihr neues Zuhause herabblickten, hatten
sie den Eindruck, dass das ganze Haus sich krampfhaft an
den Hügel klammerte.
Der Taxifahrer holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum,
stellte es vor die Tür, von der die weiße Farbe
abblätterte, verabschiedete sich mit einem Tuut seiner
Hupe und fuhr den Hügel hinab. Mit einem leisen Quietschen
öffnete sich die Haustür und dahinter erschien
eine bleiche Frau. Ihr weißes Haar trug sie hoch oben
auf dem Kopf zu einem Knoten gebunden.
»Hallo«, sagte sie mit einem dünnen Lächeln.
»Ich bin eure Tante Josephine.«
»Hallo«, sagte Violet unsicher und trat vor,
um ihren neuen Vormund zu begrüßen. Hinter ihr
trat Klaus vor, und hinter ihm kroch Sunny. Alle drei Baudelaires
bewegten sich ganz vorsichtig, als könnte ihr Gewicht
das Haus aus seiner heiklen Lage kippen. Die Waisenkinder
fragten sich, wie eine Frau, die solche Angst vor dem Seufzersee
hatte, in einem Haus leben konnte, das jeden Augenblick
in dessen Tiefen zu stürzen drohte.
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